My Child Lebensborn

„Warum spielst Du denn so etwas?“ fragt mich meine Arbeitskollegin, als ich ihr in einer Kaffeepause von My Child Lebensborn erzähle. „So etwas zieht einen doch voll runter.“

Tja, warum nur?

Lebensborn ist die Geschichte des kleinen Klaus (oder aber der kleinen Karin, sollte man sich zu Beginn des Spiels für ein Mädchen entscheiden), der am 18.August 1944 in Hammerstad, Norwegen das Licht der Welt erblickt. Als Kind einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten wird er aus Scham von seiner Mutter zunächst in das Lebensborn-Heim „Gofthaab“ gegeben, von wo aus er in die Obhut seiner deutschen Großeltern nach Dresden gelangt. Nach Kriegende wird Klaus von dem norwegischen Roten Kreuz dann in Deutschland ausfindig gemacht und zurück nach Norwegen gebracht. Seine leibliche Mutter, die inzwischen mit einem Norweger verheiratet ist, will den Jungen aber nicht zurück, und so wird Klaus 1948 letztendlich zur Adoption freigegeben.

Die Handlung des Spiels setzt genau einen Tag vor Klaus‘ siebten Geburtstag ein, und in knapp fünf Stunden Spielzeit wird man kapitelweise an einem Lebensjahr des Jungen teilhaben. Die Rolle, in die man als Spieler dabei schlüpft, ist die der alleinerziehenden Adoptivmutter.

Der erste Tag im Spiel dient zugleich als Tutorial, das den Spieler mit der grundlegenden Spielmechanik vertraut macht, dem Management von Ressourcen. Essentiell für Klaus‘ Wohlergehen sind Nahrung, Hygiene und Zuwendung. Eine jede Aktion, sei es das Zubereiten des Frühstücks, das Einlassen der Badewanne oder aber das Vorlesen einer Gute-Nacht-Geschichte, verbraucht dabei einen Teil des zur Verfügung stehenden Zeitkontingents.

Sind die Stunden eines Tages vollständig ausgeschöpft, so verbleibt nur das Löschen der Schlafzimmerlampe, das Spiel speichert automatisch zwischen und ein neuer Tag bricht an.

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Neben der Zeit ist Geld die zweite knappe Ressource im Spiel. Um in der wirtschaftlich angespannten Nachkriegszeit über die Runden zu kommen, muss man bei der ersten sich bietenden Gelegenheit Arbeit in der örtlichen Fabrik annehmen. Die dort anfallenden Überstunden zurren das sowieso schon enge Zeitkorsett weiter zusammen. Schon bald wird man zum Beispiel vor die Entscheidung gestellt, ob man lieber mit Klaus ein Bild malen möchte oder aber nicht doch besser die Löcher in seinen Hosen und Pullis stopft.

Und ehe man es sich versieht, ist es plötzlich für das Vorlesen der Lieblingsgeschichte viel zu spät geworden und man sieht sich gezwungen Klaus auf den nächsten Tag zu vertrösten.

Auch wenn ein jeder Tag wohl überlegt sein will, schnell hat man den Dreh raus. Man geht Einkaufen, arbeitet in der Fabrik, erledigt den Haushalt, kocht für den Jungen und bringt ihn ins Bett. So weit so gut…

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…doch mit dem von Klaus so sehnlich erwarteten Tag der Einschulung beginnt ein Leidensweg für den aufweckten und fröhlichen Buben, der einem die Kehle zuschnürt. Es ist gut, dass „My Child Lebensborn“ in so kurzen Abschnitten abläuft. Oft musste ich das Spiel beiseitelegen und den dicken Klos in meinem Hals runterschlucken.

Schon Klaus‘ erster Schultag verläuft nicht wie erwartet. Bisher hat seine Herkunft für ihn keine Rolle gespielt, aber seine Klassenkameraden lassen ihn von Anfang an spüren, dass er anders als die anderen norwegischen Kinder ist.

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Klaus wird ausgegrenzt, gehänselt und beschimpft. Zunächst hilft nur gutes Zureden: „Kopf hoch, das wird schon.“, „Konzentriere dich auf den Unterricht.“, „Die anderen Kinder müssen dich erst kennenlernen.“ Aber wie schlimm es wirklich werden wird, davon hat man diesem Zeitpunkt noch nicht den Hauch einer Ahnung.

Jeden Abend, wenn man von der Fabrikarbeit nach Hause kommt, hat man Angst, was Klaus heute von seinen Mitschülern angetan wurde. Viele der Wendungen im Spiel sind dabei vorherzusehen. Zum Beispiel, dass die Schultasche, die sich der Junge so sehr wünscht und die man mit der sowieso schon knappen Haushaltskasse finanzieren muss, von den anderen Kindern kaputt gemacht wird. Oder aber, dass Klaus heimlich Geld aus dem für Weihnachten geplanten Sparschwein entwendet, um sich mit Süßigkeiten Freunde zu erkaufen. Ein Plan, der natürlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

Einziger Lichtblick sind die Wochenenden, an denen Klaus nicht in die Schule muss. Endlich hat man Zeit, sich um den Jungen zu kümmern, mit ihm in den Wald zu gehen, um Pilze zu sammeln, oder einen Angelausflug zu unternehmen. Aber was sind schon zwei Tage kleines Glück im Vergleich zu fünf Tagen Hölle auf Erden.

Auch von den Lehrern ist keine Unterstützung zu erwarten. Die einzige Lehrkraft mit Herz, die sich dem Jungen annimmt und ihn fördert, ist Herr Berg, der jedoch aufgrund seiner Menschlichkeit kurze Zeit später zwangsversetzt wird. Auch für ihn ist hier kein Platz.

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Was mich vollkommen runtergezogen hat, sind all die Kinderzeichnungen, die man im Verlauf des Spiels immer wieder im Haus verteilt findet. Malt der Junge zu Beginn noch sich und seine Freundin Liv unter dem Regenbogen…
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…so offenbart das Fenster in seine zerbrechliche Kinderseele immer tiefer werdende Abgründe.

Recht bald beginnt Klaus, der sich nur noch bruchstückhaft an seine Zeit in Deutschland zu erinnern vermag, nach seiner wahren Herkunft zu fragen.

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Was soll man ihm schon sagen? Ich habe mich dafür entscheiden, so ehrlich wie nur möglich mit dem Jungen zu sein. Ich schreibe Briefe an seine Mutter und nehme Kontakt mit ihrer Schwester auf, die wirklich nett zu sein scheint. Aber alles hilft nicht. Klaus ist einfach nicht erwünscht. Ein absoluter emotionaler Tiefpunkt ist ein von seiner Tante arrangierter Besuch bei seinen norwegischen Großeltern. Klaus‘ erste Zugfahrt endet in einem seelischen Desaster.

„Wenn der Balg dort auftauchen würde, würden sie ihm den Kopf abhacken!“. Die Lage ist einfach hoffnungslos. Und doch muss Klaus tagein tagaus in die Schule. Nur wenige Tage kann man ihn krank zu Hause lassen.

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Ein jeder Abschnitt von „My Child Lebensborn“ endet mit der Zusammenfassung der Entscheidungen, die man als Spieler getroffen hat.

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Viele davon würde ich immer wieder so treffen. Aber so manches Mal bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich das Richtige getan habe. Vor allem, wenn mir das Spiel als direkte Rückmeldung einblendet, dass ich mit meinen Worten Klaus‘ Herz verhärtet habe. Die meiste Zeit habe ich mich für die Wahrheit entschieden und dafür, so positiv und ehrlich wie nur möglich zu sein. Aber alles konnte ich dem Jungen dann doch nicht sagen. Eines Tages wird er vielleicht die Zeilen lesen, die ich in meinem Tagebuch an ihn gerichtet habe, und besser verstehen, was ihm jetzt einfach nicht erklären kann.

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Klaus schottet sich immer weiter ab. War es einem möglich, ihn durch das Streicheln seines Kopfs ein wenig aufzumuntern, so will der Junge irgendwann nicht mehr berührt werden. Kein zärtliches Tätscheln, keine Badewanne, keine Gute-Nacht-Geschichte. Klaus zieht sich vollkommen in sich zurück. Einen Ausweg gibt es nicht, oder doch?

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Ein Hilferuf an Klaus‘ leiblichen Vater, den man über diverse Umwege ausfindig machen konnte, ist die letzte Idee. Auch er ist inzwischen verheiratet, hat Familie und Klaus kann nicht zu ihm. Aber mit dem Geld, das Heinz Berg aus Deutschland schickt, ist man endlich in der Lage von diesem schrecklichen Ort wegzuziehen.

Das Spiel endet am Tag, an dem der norwegische König das kleine Städtchen besucht. Vom Wald aus wirft man zusammen mit Klaus einen letzten Blick auf die Parade. So sehr hatte sich der Junge auf diesen Tag gefreut, dass man ihm seinen Wunsch einfach nicht abschlagen kann.

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Und dann bricht man gemeinsam in eine ungewisse Zukunft auf. In der Hoffnung an einem anderen Ort neu starten können. Wo niemand etwas über Klaus‘ wahre Herkunft weiß. Wo ihn niemand quälen wird. Wo er aufwachsen kann, wie er es verdient. Wo er gut in der Schule sein kann, Freunde finden und endlich die glückliche Kindheit erleben kann, die man ihm so sehr wünscht.

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Tja, warum habe ich das also gespielt? Ich denke, diese Frage muss umformuliert werden? Warum hat nicht ein jeder „My Child Lebensborn“ gespielt?

Das Spiel endet mit kurzen Erfahrungsberichten von real existierenden Leidensgenossen des kleinen Klaus.

Oh wie grausam können Menschen nur zueinander sein! Zu Mädchen und Jungen, die rein gar nichts verbrochen haben. Und deren einzige „Schuld“ darin besteht, das Kind einer Norwegerin und eines deutschen Soldaten zu sein. Und ein jeder kennt so ein Kind. Die Sängerin der Band ABBA, Anni-Frid Lyngstad, ist die Tochter eines deutschen Wehrmachtssoldaten, den sie erst 1977 kennengelernt hat!

Wer mehr über die Lebensborn-Kinder und ihr Schicksal erfahren möchte, der startet am besten auf Wikipedia. Ein dunkles Kapitel unsere Geschichte, das nicht in Vergessenheit geraten darf. Das ist das Mindeste, was man für den kleinen Klaus tun kann. Und seine Geschichte „spielen“.

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