Full Throttle Remastered

Full Throttle ist ein Meisterwerk des minimalistischen Rätseldesigns.

Es gilt Ersatzteile für das Motorrad auf einem Schrottplatz zu besorgen. Umgeben von einer hohen Mauer scheint der einzige Weg hinein über ein Rolltor zu führen. Neben dem Tor, die Kette zum Hochziehen. Im Inventar befindet sich ein einziger Gegenstand, ein Vorhängeschloss. Man zieht an der Kette, das Tor öffnet sich. Das war einfach. Man will den Schrottplatz betreten, lässt die Kette los, das Tor fällt zu. Auf ein Neues. Wieder und wieder. Der Trick ist es, das Tor, das man denkt öffnen zu müssen, mit dem Vorhängeschloss zu verschließen. Dann kann man an der nun arretierten Kette hoch- und über die Mauer klettern. Drei Gegenstände, Tor, Kette, Schloss. Genial!

Das ist ganz auf Augenhöhe mit einem meiner Lieblingspuzzle aus Indiana Jones and the Fate of Atlantis‘ Rätselmodus. Auf Thera steht man vor einer geöffneten, leeren Kiste. Ohne eine Rechnung vorweisen zu können, erhält man den begehrten Ballon nicht, den man zum Verlassen der Insel benötigt. Die Rechnung befindet sich aber eben nicht in der Kiste, sondern ist an deren Deckel befestigt. Man muss entgegen jeder Intuition die Kiste schließen und bekommt so das benötigte Stück Papier zu Gesicht.

Ein weiteres unvergessliches Highlight ist der Weg durch ein Minenfeld. Kann man sich eine bessere Verwendung für eine Kiste voller Aufziehhasen vorstellen? Untermalt von Richard Wagners „Ritt der Walküren“!

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Full Throttle ist voll solcher Rätsel. Kleine in sich abgeschlossene Kunstwerke mit einem Aha-Effekt. Das hat richtig Spaß gemacht.

Dann ist da aber auch noch das andere Full Throttle. Das der Motorrad-Kämpfe und des Endkampfes auf Zeit. Man scheitert und kann von neuem an einem festgelegten Speicherpunkt beginnen. Ein endloses Versagen. Eine Million Mal. Immer und immer wieder. Selten habe ich ein Spiel so gehasst.

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Aber beides ist nun mal Full Throttle.

Das Original von 1995 habe ich leider nie gespielt. Und die „Sicherheitskopie“, die noch auf irgendeiner meiner Festplatten gammelt, ist in der ScummVM immer gleich zu Beginn abgestürzt. Instant Karma. Die Remastered Edition sieht dafür aber richtig gut aus. Das Warten hat sich gelohnt, denn Double Fine Productions hat hier ganze Arbeit geleistet. Tolle Graphiken, fantastischer Sound, Liebe zum Detail. Allein das Interaktionsmenü aus Hand, Stiefel und Totenschädel…

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Im Gegensatz zu anderen LucasArts Titeln wie Monkey Island ist Full Throttle kein Spiel großer Worte. Eine endlose Kette an Dialogen würde auch nicht zum Hauptcharakter des Spiels passen. Als grobschlächtiger Anführer der Motorradgang Polecats wird Ben Throttle Opfer einer Intrige. Beschuldigt des Mordes an Malcolm Corley, dem Vorstand der letzten Motorradfabrik eines futuristischen Amerikas, macht sich der Motorradrocker auf, seine Unschuld zu beweisen und die Neuausrichtung von Corley Motors zu verhindern. Von den Bändern der Fabrik sollen anstelle von Bikes Minivans rollen. Ein Sakrileg!

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Passend zu Bens Charakter, in einem IGN Review treffend als John Wayne der Zukunft betitelt, erfordern nicht alle Puzzle ein tiefes Nachdenken. Mitunter führt auch schlicht pure Gewalt zum Ziel. So zum Beispiel den mundfaulen Barmann an seinem Nasenring über den Tresen zu ziehen. Treten kann man sowieso fast jeden Gegenstand im Spiel.

Rund acht Stunden hat mich das Durchspielen von Full Throttle gekostet. Hätte ich nicht die Motorrad-Kämpfe zu meinen Gunsten abgebrochen (SHIFT + V), so hätte es mit Sicherheit wesentlich länger gedauert. Nicht, dass ich es nicht versucht hätte. Aber am Ende habe ich schlicht frustriert aufgegeben.

Neben der lebensrettenden Tastaturkombination ist das Hervorheben aller Gegenstände, mit denen Ben interagieren kann, eine weitere große Hilfe Im Spiel. Pixel für Pixel absuchen Adé.

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Warum man beim Überarbeiten von Full Throttle die in meinen Augen viel zu schweren Kämpfe auf zwei Rädern und den Showdown gegen den Oberschurken Ripburger nicht verbessert hat, will sich mir nicht erschließen. Man wollte wohl dem Original treu bleiben, hat dabei aber auch alle Gamedesign-Fehler in die neue Version „gerettet“.

Dennoch ist Full Throttle ein richtiger Klassiker, der sich hinter anderen LucasArts Titeln nicht zu verstecken braucht. Ganz im Gegenteil.

Jetzt habe ich bald alle Adventure Klassiker aus Marin County gespielt. Übrig bleiben lediglich Grim Fandango, Loom und Labyrinth. Vielleicht noch Flucht von Monkey Island, das ich vor langer Zeit auf der PlayStation 2 abgebrochen habe. Und dann ist es endlich wieder Zeit für Indiana Jones und sein Atlantis Abenteuer. Das wird alle paar Jahre aufs Neue ausgepackt.

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