Half-Life

Kann man einen beschisseneren ersten Arbeitstag als Gordon Freeman haben? Wohl kaum.

Dabei beginnt alles recht beschaulich. Fahrt mit der Einschienenbahn tief in den Berg hinein, vorbei an all den Wundern, die die Forschungseinrichtung Black Mesa so zu bieten hat. Freundlicher Empfang durch die Wissenschaftlerkollegen, äußerst zuvorkommende Wachmannschaft. Sehen zwar alle gleich aus. Aber da kann man auch mal ein Auge zudrücken. Rein in den Schutzanzug, diverse Sicherheitsschleusen passieren und das große Experiment kann beginnen.

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Welches, oh Überraschung, katastrophal fehlschlägt. Damit konnte nun mal wirklich niemand rechnen. Und schon steckt man ganz schön tief drin im Schlamassel. Die Einrichtung zerstört, umgeben von einem nach dem Leben trachtenden Aliens, Wissenschaftler und Wachen tot oder in Panik verfallen.

Von einem promovierten Niemand zum Helden in weniger als einer Viertelstunde. Es gilt die eigene Haut und gleich noch ganz Black Mesa zu retten. Und was kann hierzu schon nützlicher sein als eine Brechstange. Ein Werkzeug, das Half-Life seinen Weltruhm verdankt. Jeder, ein wirklich jeder, sollte für den Notfall eine Brechstange besitzen. Die meinige steht allzeit griffbereit im Keller. Man kann ja nie wissen.

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Mein erster Versuch Half-Life durchzuspielen liegt im Dunkeln meiner Studienzeit begraben. Damals noch auf der PS2 und letztendlich unspielbar. Egoshooter müssen mit Maus und Tastatur gezockt werden. Basta. Dann ganz lange nichts, gefolgt von Half-Life 2, dem besten Vertreter seines Genres, der je das Licht der Welt erblickt hat. Basta, zum Zweiten.

Diverse Anläufe, mich in das Original hineinzufinden, sind ausnahmslos gescheitert. Insgesamt 31 Stunden Spielzeit zeigt mir mein Steam-Client an. Selbst das Zählen, wie oft ich gescheitert bin, habe ich aufgegeben.

2018 ist aber das Jahr, in dem ich endlich meine Liste der Schande angehen möchte. All die ungespielten Klassiker. Ocarina of Time, Earthbound, Planescape Torment…

Und ja, Half-Life MUSS man gespielt haben. Graphisch ist Valves Meisterwerk natürlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Wie auch. Aber das Spiel sticht auch heute noch in zwei Punkten heraus, die ich beim Spielen des zweiten Teils nur unterbewusst gefühlt hatte. Jetzt aber, da ich nun das Original in Gänze erleben durfte, endlich auch in Worte fassen kann.

Ein Albtraum!

Valve schafft mit Black Mesa einen industriellen Komplex, der es auch ganz ohne Gegner vermag, ein Gefühl von Angst und Beklemmung in mir zu erzeugen. Gerade in den Momenten, in denen nichts los ist und man sich ohne Kampf durch die endlosen Gänge, Schächte und Hallen der unterirdischen Forschungseinrichtung bewegt, spielt Half-Life seine Stärken aus. Die Forschungsstation ist der heimliche Hauptdarsteller des Spiels.

Es handelt sich hierbei nicht um die Angst, dass im nächsten Moment ein Heer von Gegnern auf einen losstürmen könnte, oder aber die Unwissenheit, was hinter der nächsten Abzweigung verborgen liegt. Nein, es ist vielmehr die kalte, industrielle Gestaltung der Umgebung an sich, die in mir ein beständiges Gefühl des Unwohlseins auslöst. Ich will hier nicht sein. Und schon gar nicht allein.

Diese Isolation des Individuums umgeben von mitunter lebensfeindlicher Technik ist ein Motiv, das Half-Life einzigartig in Szene setzt. Es ist diese Angst und Ehrfurcht zugleich, die einen beschleicht, wenn man in das Kühlbecken eines Atomreaktors blickt. Ganz friedlich ruhen dort die Brennstäbe und stellen dennoch eine tödliche Bedrohung dar.

Über weite Strecken mutet mir Black Mesa wie ein Wirklichkeit gewordener Albtraum an. Ohne die Möglichkeit des Erwachens.

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Es ist der Ton!

In Half-Life 2 existiert eine Stelle, an der es eine Brücke zu überqueren gilt. Diese ist natürlich unpassierbar und man muss sich unterhalb der Fahrbahn einen Weg durch das tragende Stahlkonstrukt finden. Ein Absturz führt unweigerlich zum Tod. Kein Spiel hat mir je wieder das Gefühl von Höhe und Höhenangst so glaubhaft vermitteln können.

Genau das gleiche mulmige Gefühl hat mich nun bei Half-Life erneut beschlichen. Da aber sicher nicht die Graphik der Auslöser hierfür sein kann, was dann? Es ist der Sound und all die Geräusche, die auf einen konstant einwirken! Das ist mir beim Spielen des ersten Teils nun wie Schuppen von den Augen gefallen.

Half-Life spielt man am besten mit Kopfhörern. Mehr noch als all die kühle Unwirklichkeit der Umgebung, sind es das beständige Knarzen, Summen, die Maschinengeräusche oder das Plätschern von Wasser, die das Spiel so unglaublich stimmungsvoll machen.

Dafür sind keine Aliens oder Soldaten notwendig. Keine Feuergefechte. Keine Explosionen. Die Geräuschkulisse vermag es ganz allein, das beständige Gefühl von Bedrohung und Gefahr aufrecht zu erhalten. Und im Gegensatz zur Graphikkarte ist Sound nahezu zeitlos.

Fazit

1998 war das Erscheinungsjahr von Half-Life. Dann ist ja genau dieses Jahr ein rundes Jubiläum zu feiern.

Es war ein Erlebnis, die Ursprünge des von mir so geliebten Shooters endlich bis zur verstörenden Endsequenz mit dem G-Man zu spielen. Vieles was ich an Half-Life 2 so faszinierend finde, hat bereits hier seinen Anfang. Und auf eine Fortsetzung des zweiten Teils brauche ich ja nicht mehr zu warten. Da habe ich jegliche Hoffnung aufgegeben.

Jetzt bleiben mir leider nicht mehr allzu viele Möglichkeiten in die Welt des Gordon Freeman zurückzukehren. So unwohl wie ich mich dabei auch fühle, ich will wieder dorthin zurück. Es bleiben mir Half-Life: Opposing Force und Half-Life: Blue Shift, zwei Spin-Offs.

Das Remake namens Black Mesa auf Basis der Source Engine kommt für mich leider nicht in Frage, da es nur unter Windows läuft. Ich selbst bin stolzer Besitzer eines Macs.

P.S.: Die ganze Spielerwelt scheint das letzte große Level von Half-Life, die Alienwelt Xen, zu hassen. Ich fand sie hingegen toll. Gerade die menschlichen Leichen in Schutzanzügen, auf die man bei seinem Weg zum Endgegner trifft, verleihen der Geschichte eine weitere Komplexität und Tiefe. So ist Gordon Freeman eben nicht der erste Mensch, der Xen je betreten hat.

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Aber der erste, der eine ihm unbekannte Mission bis zum bitteren Ende geführt hat. Nach dem Abspann ist nicht mehr klar, ob Freeman nur durch Zufall in all das hineingezogen, oder aber geplant, als Spielball einer unbekannten Macht zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort befördert wurde.

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P.P.S: Half-Life ist bockschwer. So oft habe ich in meinem ganzen Leben noch nie zwischengespeichert. Außer bei Zelda vielleicht. Andauernd ist etwas knapp, sei es Lebensenergie, Aufladung des Schutzanzuges, Munition, oder aber alles gleichzeitig. Das Gefühl, in einen mehr als bescheidenen Job hineingeraten zu sein, hat mich mehr als einmal beschlichen. Was für ein beschissener erster Arbeitstag. Aber zumindest bin ich nach wie vor angestellt.

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