Hotel Dusk: Room 215

In meinem Keller stehen zwei kleine gelbe, auf dem Deckel fein säuberlich beschriftete Kartons, randvoll gepackt mit Spielen für den Nintendo DS. Für keine Konsole besitze ich mehr Titel.

Als Nintendo im Jahr 2005 begann die großen Elektronikmärkte Deutschlands mit seinem Game Boy Nachfolger zu fluten, musste man mich nicht zweimal bitten. Ein Handheld zum Aufklappen mit zwei Screens, Touchfunktion inklusive Stylus, Mario Kart DS, Metroid: Hunters, Super Mario Bros. und Super Mario 64 DS im Line-Up. Wer konnte da schon Nein sagen?

Nach dem original Game Boy ist der Nintendo DS in meinen Augen die beste tragbare Spielekonsole, die Nintendo bis heute auf den Markt gebracht hat. Und welch ein Feuerwerk an innovativen Titeln wurde hier geboten. Es hilft alles nichts, ich muss runter in den Keller und die Boxen hochholen. Hach…Wario Ware Touched, Dr. Kawashimas Gehirnjogging, Electroplankton, Another Code: Two Memories, Grand Theft Auto Chinatown Wars, Wario Master of Disguise…wahrlich einzigartige Spiele. Und dann noch all die Titel, die es leider nicht in meine Sammlung geschafft haben, wie Animal Crossing, Nintendogs, Phoenix Wright: Ace Attorney, The World Ends With You, Professor Layton and the Unwound Future und so viele mehr.

Den Großteil meiner Besitztümer für den DS habe ich sogar durchgespielt, aber wenn ich mich jetzt durch die Kisten wühle, so würde ich dennoch am liebsten sofort einen der Castlevania-Titel erneut einlegen, oder mich für ein Stündchen durch Metal Slug 7 ballern.

Ein Spiel, bei dem ich damals aber hängengeblieben bin, ist das im Januar 2007 erschienene Hotel Dusk: Room 215 des japanischen Entwicklerstudios CING. Ich erinnere mich sogar noch ziemlich genau an die Stelle, an der ich das Gefühl hatte festzustecken, und zwar so, dass die Geschichte mir damals als unlösbar erschienen ist. Schlecht für das Ego, aber gut für meinen Blog, es gibt etwas zum Nachholen.

Und so habe ich vor einiger Zeit meinen DS herausgekramt, den kleinen Spielechip eingesteckt und mich 11 Jahre später an einen zweiten Versuch gewagt. Dieses Mal aber mit der Unterstützung eines Walkthroughs. Auf eine zweite Pleite hatte ich nun wirklich keine Lust.

Bevor ich nun in das Spiel eintauche noch eine Anmerkung zu den Screenshots. Der Dank gebührt einem YouTuber namens OstFalkeLP, dessen Playthrough die nachfolgenden Bilder von mir entnommen wurden.

Das Spiel

Bei Hotel Dusk: Room 215 handelt es sich um einen Titel, der darauf abzielt, die Marke Nintendo auch bei älteren Spielern zu etablieren. Für Kinder ist das Ganze nichts. Die erzählte Geschichte, die einzelnen Szenen und auch der mitunter recht zynische Humor setzen ganz klar die Perspektive eines Erwachsenen voraus. Und mitunter sind die getroffenen Aussagen auch einfach nur platt.

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Alle Charaktere, auf die man im Verlauf der Handlung trifft, sind gebrochene Persönlichkeiten. So zum Beispiel der Arzt und Trinker Kevin Woodward, dem vor Jahren bei einer OP ein Kunstfehler unterlaufen ist. Oder aber der berühmte Schriftsteller Martin Summer, dessen gesamte Karriere auf einem Plagiat fußt.

Einen Kniff, den CING anwendet, um von Anfang an das Image eines Kinderspiels abzustreifen ist, dass der Nintendo DS das gesamte Spiel über wie ein Buch senkrecht gehalten werden muss. Dies kennt man schon von der Gehirnjogging-Serie, ebenfalls für die Generation Ü30 gedacht, und funktioniert auch bei Hotel Dusk einwandfrei.

Aber zurück zur Geschichte des Spiels. Alles beginnt mit einem immer wiederkehrenden Albtraum, in dem der New Yorker Polizist Kyle Hyde das größte Trauma seiner Dienstzeit durchleben muss. An dem kalten Vorweihnachstabend des Jahres 1976 erhält er auf der Polizeiwache einen Anruf und schreckt von seinem Schreibtisch auf. Sein korrupter Ex-Partner Brian Bradley wurde an einem der zahlreichen Piers gestellt und Kyle wird zum Hafen gerufen. Es kommt wie es kommen muss. Beim Versuch Bradley festzunehmen wird er gezwungen einen Schuss auf seinen ehemaligen Freund abzufeuern und der Getroffene stürzt ins Hafenbecken. An dieser Stelle reißt der Traum ab und Kyle sitzt schweißgebadet in seinem Bett.

Eine Leiche konnte nie gefunden werden. Was, wenn Bradley noch am Leben sein sollte?

Das Intro wechselt nun Zeit und Ort. Drei Jahre nach dem tragischen Showdown klingelt an der Westküste bei einer Firma namens Red Crown das Telefon und kurz darauf vibriert Kyles Pieper. Anscheinend hat er seinen Job als Polizist an den Nagel gehängt und ist nun als eine Art Kurier und Vertreter tätig.

Erneute Umblende. Immer noch schreiben wir das Jahr 1979, aber befinden uns nun in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Kyle ist mit seinem Auto in Nevada unterwegs und telefoniert an einer heruntergekommenen Tankstelle mit seinem Chef Ed. Dieser hat einen neuen Auftrag für ihn. Kyle soll sich zu einer Unterkunft namens Hotel Dusk begeben, ein Paket und die genauen Anweisungen seien bereits per Post dorthin unterwegs.

Auf dem Weg zum Hotel passiert Kyle mit seinem Wagen dann noch ein junges Mädchen, das ihm schweigend mit geheimnisvollen Augen nachblickt. Es handelt sich um die junge Dame, die auch schon auf dem Cover abgebildet ist, und der später noch eine wichtige Rolle im Spiel zukommen wird.

Am Backsteingebäude angekommen, steigt Kyle aus seinem Wagen und betritt nach einem kurzen Monolog die Lobby der Absteige. Das Spiel kann beginnen.

Schnell wird man mit all den Mechaniken von Hotel Dusk bekannt gemacht, die einen den Rest des Spiels über begleiten werden, beginnend mit dem Erkunden des Gebäudes.

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Der linke Bildschirm des Nintendo DS zeigt eine dreidimensionale Ansicht der Umgebung, in der man sich frei umsehen und bewegen kann. Hierfür muss auf dem Touchscreen die rote Markierung des Charakters via Stylus über den zweidimensionalen Bodenplan gezogen werden, der die rechte Bildschirmhälfte füllt. Ein Pfeil markiert die aktuelle Blickrichtung.

Nähert man sich Gegenständen, die man genauer untersuchen oder aber benutzen kann, so werden diese durch Antippen in den Fokus gebracht. Dabei wechselt die Ansicht aus dem Raum heraus auf das jeweilige Objekt. So kann man an der Rezeption zunächst einen ausgeschalteten Fernsehapparat genauer unter die Lupe nehmen und schlussendlich die Klingel betätigen.

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Der Inhaber des Hotels betritt die Bühne und es folgt das dritte große Spielelement, das Führen von Gesprächen.

Alle Dialogoptionen werden dabei vom Spiel zur Auswahl vorgegeben. Jedoch sollte man es vermeiden eine jede Möglichkeit auch auszureizen. Denn in der Kunst der geschickten Gesprächsführung liegt die zentrale Herausforderung von Hotel Dusk. Welche Fragen kann man stellen, ohne den Gesprächspartner misstrauisch zu machen oder gar zu verärgern? Wieviel Information gibt man preis? Und mit welchen Details hält man besser hinter dem Berg?

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Besonders wichtige Momente im Gesprächsverlauf werden durch ein Hinweissymbol angezeigt. Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Nicht immer ist sofortiges Nachhaken die Option, die auch zum erhofften Erfolg führt.

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Alle Charaktere im Spiel sind übrigens, im Gegensatz zur Umgebung, als Schwarz-Weiß-Zeichnung gehalten und könnten so ohne weiteres direkt dem Musikvideo einer norwegischen Pop-Gruppe der 80er Jahre entsprungen sein.

Hat man den Abschnitt in der Lobby erst einmal gemeistert, und das Hotelzimmer 215 bezogen, entfaltet sich in insgesamt 10 Kapiteln die Geschichte des Spiels. Ein jeder dieser Abschnitte, mit Ausnahme der ersten beiden, dauert jeweils genau eine Stunde. Um 17:00 betritt man das Hotel, der Höhepunkt der Story beginnt zwei Uhr nachts.

Die Zeit vergeht dabei nicht automatisch, sondern nur bestimmte Ereignisse im Spiel, die man durch seine Handlungen auslöst, lassen den Zeiger der Uhr weiter rutschen.

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In den über neun Stunden, die Kyle in dem Hotel verbringt, wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Fast alle Gäste des Hotels stehen in irgendeiner Form in Beziehung zu den Ereignissen, die zu dem Schuss geführt haben, den er vor drei Jahren auf seinen Ex-Partner abfeuern musste. Und ja, Bradley ist wohl wirklich noch am Leben! All diese Zusammenhänge aufzudecken und letztendlich zu verstehen, was wirklich passiert ist, ist Kern des Spiels.

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Ein jeder Abschnitt ist nur dann optimal gelöst, wenn man es vermag, das Geheimnis, das die jeweilige Person umgibt, zu lüften. Scheitert man, oder wird gar aufgrund all der Schnüffelei vom Inhaber aus dem Hotel geworfen, so bleibt einem nur die Möglichkeit, entweder den letzten Speicherpunkt zu laden, oder aber sich automatisch vom Spiel an die Stelle zurückversetzen zu lassen, an der man falsch abgebogen ist. Ansonsten begibt man sich zu Bett und reist am nächsten unverrichteter Dinge Tag ab. Auch ein Ende, aber eben nicht das gewünschte. Das Ganze ist mitunter ein rechtes Aus- und Herumprobieren.

Es gibt übrigens einen zusätzlichen Abspann zu entdecken, den man aber nur zu Gesicht bekommt, wenn man auch wirklich kein einziges Mal im Verlauf des Spiels scheitert. Am Ausgang der Geschichte ändert diese kurze Sequenz nichts, macht einem aber doch warm ums Herz. Zumindest einer der Protagonisten erlebt sein persönliches Happy End.

Magere drei Speicherslots bietet Hotel Dusk. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ein paar mehr dem Spiel gutgetan hätten. Bei jedem Abspeichern kommt unweigerlich die Angst auf, einen möglicherweise wichtigen Spielstand zu überschrieben und sich so die Lösung der Geschichte zu verbauen. Da ich einem Walkthrough gefolgt bin, ist mir das natürlich nicht passiert. Aber ich glaube, dass war genau der Grund, warum ich beim ersten Versuch Hotel Dusk durchzuspielen gescheitert bin. Vorwärts bin ich immer in ein totes Ende gelaufen, einen brauchbaren Speicherstand hatte ich nicht mehr.

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Abgeschlossen wird ein jedes Kapitel durch ein kurzes Frage- und Antwortspiel, in dem man die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Stunde noch einmal Revue passieren lässt. Ist man aufmerksam der Geschichte gefolgt, so handelt es sich bei dieser Aufgabe aber um nicht mehr als ein Kinderspiel.

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Fazit

Es ist ein wenig schwierig, ein Spiel anzupreisen, das vermutlich keiner meiner Leser heute mehr zu spielen vermag. Es sei denn, man ist noch wie ich im Besitz der Original-Hardware. Für Nintendos Virtuelle Konsole steht Hotel Dusk leider nicht als Download zur Verfügung. Und das Entwicklerstudio selbst ist 2010 insolvent gegangen.

Eigentlich sehr schade, denn die erzählte Geschichte ist, wenn auch ein wenig an den Haaren herbeigezogen, durchaus spannend und unterhaltsam. Letzten Endes handelt es sich bei Hotel Dusk um ein modernes Märchen, das im Gewand einer Detektivgeschichte auftritt. Warum soll Kyle nach all den Jahren genau an diesem Ort im Nirgendwo wieder auf die Spur seines ehemaligen Partners geraten? Und warum checken genau um die Weihnachtszeit alle Personen, die in irgendeiner Weise mit Bradley in Verbindung stehen, in das gleiche Hotel ein?

Wenn man den leicht unglaubwürdigen Teil der Geschichte aber ausblendet, so bietet Hotel Dusk wirklich gute Unterhaltung und auch die Auflösung der Geschichte vermag zu überraschen. Das Ende hätte ich so nicht erwartet.

Es existiert wohl auch eine Art Nachfolger des Spiels, ebenfalls für den Nintendo DS, namens Last Window: Das Geheimnis von Cape West. Ein wenig hadere ich aber noch mit mir, eine Kopie bei eBay zu erwerben. Aber vermutlich führt über kurz oder lang kein Weg daran vorbei, da ich schon gerne gewusst hätte, wie sich die Geschichte um Kyle Hyde weiterentwickelt. Denn in den Stunden, die ich mit ihm im Hotel Dusk verbracht habe, ist mir der Charakter doch ans Herz gewachsen. Ein gutes Zeichen für ein Spiel.

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