Far From Noise

Far From Noise ist ein wunderschönes Spiel über die Acht- und Langsamkeit, über Innenschau und Selbsterkenntnis, inspiriert von Ralph Waldo Emerson, John Muir und Henry David Thoreau. „Ein Gespräch über die Balance von Leben und Tod.“, so sein Schöpfer George Batchelor.

Eine „Ente“ hängt am Rande einer Klippe und droht ins Meer zu stürzen, eine jede Bewegung bringt den Citroën 2CV gefährlich ins Wanken. An einen vorsichtigen Versuch auszusteigen, ist in dieser Situation erst gar nicht zu denken, und mehr als eine Rauchwolke ist dem überhitzten Motor nicht zu entlocken. Da Hilfe weit und breit nicht in Sicht ist, verbleibt als einzige Möglichkeit nur abzuwarten. Es beginnt ein Ausharren in einem Schwebezustand zwischen Existenz und dem mit Sicherheit tödlichen Fall in die Tiefe.

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Oberstes Gebot ist es Ruhe zu bewahren, sich selbst gut zuzureden, tief ein- und auszuatmen, um nur nicht die Nerven zu verlieren. Nur für kurze Zeit vermag das Autoradio von der misslichen Situation abzulenken, in die man hier geraten ist. Lange Momente, in denen rein gar nichts geschieht, werden immer wieder von kurzen inneren Monologen unterbrochen. Die verschiedenen Textblasen, zwischen denen der Spieler auswählen kann, machen Far From Noise zu einem individuellen Erlebnis. Ansonsten dominieren Stille, Schweigen und Warten. Nichts als Warten. Zwei kleine blaue Schmetterlinge flattern durchs Bild, das Auto schwankt leicht im Wind. Das ist alles was sich ereignet. Langsam aber unaufhaltsam beginnt die Sonne am Horizont unterzugehen und taucht die Szene in das Licht eines romantischen Abendrots. Ein wahrlich idyllischer Moment, wenn nur nicht das eigene Leben im wahrsten Sinne des Wortes auf der Kippe stehen würde.

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Als plötzlich ein Hirsch die Bühne betritt.

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Zunächst blickt der imposante Geweihträger auf das Meer hinaus, doch dann beginnt er sich dem Auto zu nähern. Ein unbekannter Eindringling in seinem Revier. Er wird den Citroën doch nicht einfach in den Abgrund stoßen?

Doch alles Rufen hilft nichts, das Tier lässt sich nicht vertreiben. Ganz im Gegenteil, denn der Hirsch antwortet! Bildet man sich das alles nur ein? Hat man endgültig den Verstand verloren? Was soll’s, wenn man am Rand eines Abgrunds gefangen ist, ohne Aussicht auf Rettung, dann kann man sich auch mit einem Paarhufer unterhalten.

Der stolze Hirsch ist es, der einen durch die Nacht retten wird. Und nicht nur durch die Nacht, die unmittelbar vor einem liegt, sondern durch all die Dunkelheit, der man hier auf der Klippe entfliehen wollte.

Ein langes Gespräch über die Einsamkeit und das Alleinsein beginnt. Der tierische Begleiter versucht einen davon zu überzeugen, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. So kann man bewußt das Alleinsein suchen, ohne sich auch nur für einen Moment einsam zu fühlen. Für sich alleine zu sein ist gar ein höchst erstrebenswertes Gut.

If you constantly surround yourself with others, your thoughts will become nothing but theirs and you will never truly know the voice of your own heart.

Als dann der Sternenhimmel aufzieht, schweigt man Seite an Seite, denkt sich fiktive Sternbilder aus und erzählt sich Geschichten über all die „Scherben aus Glas und Glitzer“ hoch oben am Firmament.

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Höhepunkt der Nacht bildet ein Regensturm, untermalt von folgenden Worten des Hirsches:

This is the fire of beauty that rages from the earth.
Serenity lay in wait to be ripped apart for the wildest from.
Torrents of exhilaration pour from the sky.
Quakes shake the ocean to cry out.
Blistering crescendo from every form of life.
All are thrust from rest to revel in violent beauty.
Nothing sleeps wile nature takes its fiercest dance.

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Als nach langer, durchwachter Nacht die Sonne endlich wieder am Horizont erscheint, hat sich an der Situation äußerlich nichts geändert. Nach wie vor ist man am Rande der Klippe gefangen und dennoch ist man innerlich zu einem anderen Menschen geworden.

Der Hirsch hat seine Aufgabe erfüllt und zieht schweigend ab. Die Entscheidung, was nun zu tun ist, kann er einem nicht abnehmen.

Ein letztes Mal versucht man den Motor zu starten. Die Augen schließen sich. Als sie sich wieder öffnen ist der Citroën verschwunden. Abspann.

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