The Walking Dead: Michonne

Nur sehr sporadisch kenne ich mich in dem „Walking Dead“-Universum aus. Über die erste Ausgabe des Comics bin ich nicht hinausgekommen und die verbleibenden 188 Hefte werde ich wohl kaum nachholen. Da mache ich mir nichts vor. Zumindest bei der Fernsehserie habe ich meiner Frau hin und wieder Gesellschaft auf unserer Wohnzimmercouch geleistet. Wenn meist auch nur mit einem halben Ohr.

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Und doch hat es mich nach dem Durchspielen von The Walking Dead: Season One und Season Two in die postapokalyptische, Zombie-bevölkerte Welt zurückgezogen. Aufgrund der Pleite des Entwicklerstudios Telltale wird es mit einem großen Serienfinale wohl nichts mehr werden. Aber dank Humble Bundle besitze ich noch Steam-Lizenzschlüssel sowohl für den Ableger „The Walking Dead: 400 Days“ wie auch eben für die Miniserie „The Walking Dead: Michonne“.

Und was für ein Spiel das war! Haben mir die ersten beiden Teile schon gut gefallen, so hat mich Michonnes Geschichte vollkommen aus den Socken gehauen. Das beginnt schon bei dem Intro, das eins zu eins einem Tarantino-Film entstammen könnte.

Klar gibt es auch in diesem Teil der Geschichte wieder ruhigere Momente, eine mitunter etwas hakelige Steuerung und die unvermeidlichen Quick-Time-Events. Das ist nun mal „The Walking Dead“ in Form eines Telltale-Computerspiels. Passé sind aber die oft langatmigen Unterhaltungen des ersten Teils. Musste man in Season One oft erst einen jeden Charakter abklappern, bis die Handlung wieder an Fahrt aufnimmt, so schreitet die Geschichte hier deutlich rasanter voran. Wenn dann nach drei Kapiteln und knapp vier Stunden Spielzeit der Abspann auf dem Bildschirm erscheint, sagt man sich einfach nur leise „Wow!“.

Die dunkelhäutige Michonne, mit ihren langen Rastalocken und ihrem Samurai-Schwert eine der herausstechenden Charaktere der Fernsehserie, ist eine wahre Kampfmaschine.

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Und gleichzeitig eine gebrochene Frau, die von ihrer Vergangenheit verfolgt wird.

I left so many people that I loved behind.
So many that I can hardly remember them all.
But there are two–just two–that I can never forget.
I thought I was done with them.
But they’re not done with me.

Mit einem actiongeladenen Tagtraum, in dem sich Realität und Erinnerung beständig vermischen, setzt die Geschichte ein. Schweißgebadet schlägt sich die Protagonistin des Spiels durch das Dickicht eines Waldes, als urplötzlich zwei kleine Mädchen vor ihr stehen. Doch nur für einen kurzen Augenblick, denn schon sind die Kinder auch wieder im Unterholz verschwunden. Michonne nimmt die Verfolgung auf und gelangt an eine einsame Tür inmitten all des Gestrüpps. Vorsichtig drückt sie die Klinke nach unten und tritt über die Schwelle in eine nächtliche Wohnung. Ihre ärmellose Weste ist dabei schicker Bürokleidung gewichen. In der Mitte des Wohnzimmers brennt ein offener Kamin vor dem die beiden Kinder am Boden spielen. Eine wahrlich unwirkliche Szene, die durch einen sich aus der Dunkelheit des Zimmers nähernden Zombie jäh unterbrochen wird. Ein gezielter Schwerthieb katapultiert Michonne zurück in den Wald. Während sie noch die Überreste des von ihr geköpften Leichnams an einen Baum drückt, schwanken bereits von allen Seiten Untote auf sie zu. Ein wahres Gemetzel beginnt. Michonne schlägt um sich, stürzt zu Boden und ist zurück in der Wohnung. Stets wechselt der Kampf zwischen Apartment und Waldlichtung hin und her und ein Angreifer nach dem anderen macht Bekanntschaft mit ihrer scharfen Klinge. Als endlich alle Untoten abgewehrt sind, torkelt Michonne erschöpft und blutverschmiert auf die Tür zu, durch die sie die beiden Kinder zuletzt hat flüchten sehen. Diese öffnet sich und ein in der Dunkelheit gesichtsloser Mann betritt mit den Worten „Hey, thanks“ das Zimmer. Erneuter Szenenwechsel. Während aus dem Dickicht des Waldes eine weitere Welle an Zombies im Anrollen ist, sinkt Michonne abgekämpft auf ihre Knie, zieht einen Trommelrevolver und legt eine einzelne Patrone ein.

Some days I envy the dead.

Im letzten Moment entreißt ihr ein Unbekannter den Revolver, den sie gegen ihre Schläfe gerichtet hatte. Der Schuss geht ins Leere.

Drei Wochen später. Michonne schreckt aus einem Albtraum hoch. Die letzten Worte die sie noch hört sind Mädchenstimmen…

Mama?… Where are you?

Michonne befindet sich an Bord eines kleinen Schiffs unter der Führung des Kapitäns Pete. Er ist es, der sie im Wald gefunden und vor ihrem Selbstmord bewahrt hat. Pete sitzt am Funkgerät und versucht vergeblich eine Verbindung zu einem nahegelegenen Handelsposten aufzunehmen. Doch weit und breit ist kein anderes Schiff auszumachen. Als plötzlich eine schwache Frauenstimme durch den Äther dringt, ein Hilferuf. Michonne übernimmt das Funkgerät während Pete sich daran macht, den Kurs des Schiffs zu ändern. Doch just in diesem Moment erfährt der Schlepper eine starke Erschütterung. Er ist auf Grund gelaufen und beschädigt. Eine Weiterfahrt ist unmöglich.

Michonne und Pete entschließen sich dazu, mit dem Beiboot an das nahegelegene Ufer überzusetzen, um nach Ersatzteilen Ausschau zu halten. Die restliche Besatzung bleibt an Bord zurück. Das Abenteuer an Land kann beginnen und erst zum Abspann hin wird man das Schiff wieder zu Gesicht bekommen.

„The Walking Dead: Michonne“ ist eine sehr düstere Erzählung mit nur wenig lichten Momenten. Immer wieder erlebt die weibliche Hauptperson besagte Flashbacks und man erfährt als Spieler so Stück für Stück, welch Drama sich am Tag der Zombieapokalypse in ihrem Leben abgespielt haben muss. So viel sei verraten, bei den kleinen Mädchen, die Michonne zu Beginn des Spiels erschienen sind, handelt es sich um ihre beiden Töchter, von denen sie durch den Ausbruch der Seuche getrennt wurde.

Wie bei allen Teilen der Walking Dead-Serie spielt auch in diesem Spin-off das Treffen moralischer Entscheidungen wieder eine zentrale Rolle. Nur war die Grenze zwischen Gut und Böse für mich hier deutlich leichter zu ziehen. Die vermeintlich Guten waren es auch, den Bösen wünschte ich nichts als den Untergang. So habe ich auch kaum gezögert, als ich vor die Wahl zwischen Gnade und Vergeltung gestellt wurde. Auch wenn die wirklich gut geschriebenen Wendungen der Story mich die eine oder andere Entscheidung, so gut sie sich auch angefühlt haben mag, gleich wieder in Frage stellen hat lassen.

Star der Geschichte ist ganz klar die Protagonistin selbst. Auch wenn sich an der Engine für diesen Teil vermutlich nichts geändert hat, so hatte ich doch das Gefühl, dass Michonne mit all ihrer Mimik den Entwicklern besonders gut gelungen ist. An einer Stelle im Spiel bin fast darüber erschrocken, wie plastisch sich all der Schmerz und die Traurigkeit in ihrem Gesicht abzeichnen.

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An expliziten Gewaltdarstellungen wird nicht gespart. Es ist schon eine gute Weile her, dass ich Season One und Two durchgespielt habe, die ja auch nichts für jugendliche Spieler sind. Aber ich habe das Gefühl, dass „The Walking Dead: Michonne“ hier noch eine Schippe oben drauflegt. So wird zum Beispiel ein eingeschlagener Schädel immer wieder ins Bild gerückt.

Fazit

Mir hat dieser Teil der Serie bisher am besten gefallen. Drei Episoden sind vollkommen ausreichend eine spannende und wendungsreiche Geschichte zu erzählen. Das Spiel setzt auf rasante Handlung und Action. Rätselelemente fallen vollkommen flach, was auch gut so ist. Die Telltale-Titel sind einfach keine Renaissance der Point & Click Adventures. Aber als interaktive Erzählungen funktionieren sie in meinen Augen ganz vorzüglich.

Mit dem Wechsel der Hauptperson ist der Ton der Geschichte düsterer geworden und so sind auch moralisch fragwürdige Entscheidungen zulässig. Ein weiterer Pluspunkt in meinen Augen. Man muss sich nicht mehr schlecht fühlen, wenn man einfach nur auf Rache aus ist.

Das Ende selbst ist hochdramatisch. Ich habe eine wage Idee, was passiert wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte. Aber gerne würde ich diese Momente noch einmal spielen.

Das „The Walking Dead: Michonne“ nur mit deutschen Untertiteln spielbar ist und die Auflösung meines iMacs nicht unterstützt, was einen dicken schwarzen Rahmen zur Folge hat, darüber kann ich locker hinwegsehen.

Wer also wie ich das Verlangen nach Zombies und Apokalypse verspürt, mit der Langatmigkeit der Hauptserie aber nichts anzufangen weiß, dem kann ich Michonnes Geschichte wärmstens empfehlen. Es ist ein wirklich gelungener Titel.

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